5 Millionen Arbeitslose, 1.000.000.000.000 Euro Staatsausgaben pro Jahr - und dennoch eine Jugend, die zu dämlich ist, Pfannekuchen zu backen: Wer das ändern will, kann nicht mehr über Köpfe reden. Die Regierungswechsel der letzten Jahre haben unbestritten nichts gebracht und die unangenehmsten Politiker-Gesellen halten sich am hartnäckigsten auf den Titelseiten der Zeitungen. Mit Lafontaine, Scharping oder Engholm wäre es keinen Deut besser gekommen als nun mit Schröder. Und Merkel, die uns – Sarkasmus der Demokratie als Volksherrschaft – unweigerlich in Kürze als deutsche Frontfrau droht, wird ebenso wenig eine Kanzlerin der Herzen werden.
Curt Goetz hatte dazu schon vor einem halben Jahrhundert eine treffliche Idee: »Wie wäre es, alle Politiker in einen zoologischen Garten zu stecken und aus dem Eintrittsgeld die Welt zu sanieren?«
Tja, wie wäre das, wenn wir einfach nicht mehr nur zuschauen würden, wie uns Politiker tagtäglich auf die Nerven gehen mit dem, was sie tun und vor allem dem, was sie schon längst getan haben; wenn wir stattdessen mal selbst eine »Agenda« schmiedeten, uns darauf verständigten, was ansteht, was zu tun ist, wo wir hin wollen. Denn das ist der Luxus, den wir tatsächlich noch hätten, er liegt nur seit langem im Giftschrank: Wir kämpfen noch nicht wieder ums Überleben, wie unsere Ur-Vorfahren. Nichts steht an, was sofort getan werden müsste, alles hat noch ein paar Tage Zeit. Diese beruhigende Gewissheit dürfen wir aus dem politischen Geplänkel durchaus ziehen: da wird heute über den Ladenschluss, gestern über den Terrorismus, vorgestern über »organisierte Kriminalität« verhandelt, als drohe eine independence-day-mäßige Invasion Außerirdischer, es tut sich politisch nichts Grundlegendes und doch dreht sich die Welt weiter.
Und eine zweite Gewissheit dürfen wir haben: Es gibt tatsächlich viel zu tun, um aus unserem einen Leben gemeinschaftlich etwas Vernünftiges zu machen, aber wenn wir es nicht selbst tun, tut es niemand. Politiker jedenfalls werden den Teufel tun, Probleme zu lösen, die sie überhaupt erst geschaffen haben und die quasi ihre Lebensgrundlage bilden.
Zugegeben, es erfordert ein wenig Gedankenfreiheit. Denn das ist das eigentlich Erschreckende in der Bundesrepublik Deutschland: von extremen Spinnern abgesehen denkt niemand laut über ein Leben ohne Politiker nach, genauer: ohne Parteipolitiker eines Typs Müntefering oder Westerwelle. Es wird so getan, als sei unsere Parteiendemokratie eine göttliche Fügung oder wenigstens eine naturgesetzliche Entdeckung wie die Relativitätstheorie, völlig unumstößlich, wenn sie auch kaum jemand versteht und die wenigen Berufenen so ihre Zweifel haben.
Jeder Gedankenansatz, vielleicht mal von einem Studenten geäußert, von einer pubertierenden Tochter oder einem Performance-Künstler, wird heute mit Verweis auf den gescheiterten Sozialismus
zertrümmert. Wie jedes reflexartige Verhalten ist auch dieses sehr einfach zu verstehen: die meisten Menschen haben unbegründet Angst vor dem Neuen, vor dem Ungewissen, weshalb sie dann auch sagen: »Ich lebe gerne hier«. Wie man in der Suchttherapie weiß: da ist jemand noch nicht tief genug gefallen, um zur Einsicht der Bremer Stadtmusikanten zu gelangen.
Die anderen haben sehr begründete Angst, bei einer Veränderung die Privilegien zu verlieren, die ihnen unser Politiksystem bietet. Dieser Partizipientenkreis ist kontinuierlich gewachsen – in manchen Bereichen spricht man von »Machtkartellen«, in manchen auch deftig von Korruption, für die meisten und systemtragenden Bereiche genügt die Volksweisheit »eine Hand wäscht die andere«. Aber es wird natürlich immer das Privileg weniger sein, von der Politik privilegiert zu sein – ja, ein etwas banales Wortspiel, aber doch sehr elementar: Alles Gefasel von der »sozialen Gerechtigkeit« darf nie in Gerechtigkeit münden, sonst wären Politiker arbeits- und machtlos.
Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie wir uns organisieren können. Die bundesrepublikanische Demokratie ist dabei eine Möglichkeit, aber anders als nach Lesart der Herrschenden, bei allem was recht ist, nicht die beste. Dazu brauchen wir kein verquarztes Churchill-Zitat bemühen: Wie vermessen, wie geradezu kapitulativ mutet es an, eine ratzfatz gestrickte Staatsform für das einzig Richtige, Wahre und Schöne zu halten? Tatsächlich gab es in der 55-jährigen Geschichte des Grundgesetzes keine demokratischen Innovationen. Selbst der Vereinigungs-Diskutier-Eifer hat nichts beitragen können, wenn wir auch seitdem niemanden mehr wegen seiner Behinderung diskriminieren
dürfen (wohingegen es ein allgemeines Diskriminierungsverbot nicht gibt!). Wenn das, was wir haben, schon das Beste sein soll – wozu braucht es dann noch Politiker? Wir haben Volkssouveränität, eine Demokratie, einen Sozialstaat, eine soziale Marktwirtschaft, Gewaltenteilung – was will man mehr? Himmel, verdammt, das ist bedrucktes Papier und inzwischen eine gehörige Portion an Bytes. Aber es ist doch hoffentlich nicht das Ende unserer Intelligenz.
Bemühen wir sie also. Und zwar nicht um der Rettung des Planeten willen, sondern aus blankem Eigennutz. Weil wir zwar automatische Rasensprenger haben und Body-Building-Studios an jeder Ecke, unsere Steuererklärung inzwischen elektronisch verfassen können und uns das Bundesverfassungsgericht die Hälfte unseres Vermögens zugesprochen hat (immerhin), wir damit jedoch weder die von uns ausgebeuteten Habenichtse vor den Toren Europas halten noch zufrieden im Garten unseres Wohnblocks Backgammon spielen können.
Am Anfang der Demokratie war das Scherbengericht: 10 Jahre Verbannung für jeden Taugenichts aus der Politik. Das ist das Mindeste, was wir wieder brauchen – und heute dürfen dann auch die Frauen mitmachen. Dafür müssen wir uns nicht einmal mit irgendwem streiten – Helgoland ist derzeit unser und als Hochseeinsel auch für Verbannte mit Großem Seepferdchen hervorragend geeignet.
Am Tresen schlägt mir auf diesen Vorschlag oft Besorgnis entgegen, was den Platz auf Helgoland angeht. Aber Gemach. Ober- und Unterland sowie die Düne haben zusammen 1,7 qkm und bieten derzeit schon Raum für 1.700 Insulaner und etwa 2.000 Gäste. In der Verbannung darf es ruhig auch mal etwas eng werden – Schily ist da mit seinen deutschen und afrikanischen Lagern auch nicht zimperlich – und so haben wir vorerst Platz genug, die politische Klasse von Bund und Ländern sowie die hauptberuflichen aus den Kommunen vor Helgoland auszubooten. Natürlich wird der ein oder andere sagen: Schnapsidee! Wir können doch nicht die 1.700 Helgolen enteignen. Nun, schön ist das nicht, aber dem völlig idiotischen Braunkohletagebau – nur zum Vergleich – mussten allein zwischen 1950 und heute 97.000 Menschen weichen. Von daher, bei aller Empathie: Häuslebesitzer müssen für die Autobahn umsiedeln, Helgoländer für die Politiksanierung.
Aber vielleicht fällt uns ja zweieinhalb Jahrtausende nach Solon und Kleisthenes noch etwas Kreativeres ein – etwas Wirkungsvolleres. Denn ganz im Ernst: Es ist unlustig in Deutschland. Vorhin sagte mein Ältester: »Papa, wenn ich mal Papa bin, dann ....« Was soll ich ihm sagen? »Mach du nur« oder »Ja, ja«. Oder: »Kein Problem, Papa schießt dir den Weg schon frei.« Oder eher: »Hör mal, Sohn, ich glaube nicht, dass du ....« ? Ehrlich, es steht nicht zum Besten. Da hilft auch keine Retrospektive auf die letzte Auferstehung aus Ruinen. Ja, ja, ja – es ist besser geworden. Und doch erholen wir uns lieber auf Gran Canaria, loben die norwegische Sozialpolitik, finden Gefallen am Dolce Vita und hängen etwas spätzüglerisch immer noch dem »American Way of Life« an.
Machen wir doch mal einen auf wirklich multikulti, schauen wir uns in der Welt um und adaptieren das jeweils Beste. Vielleicht kommt dabei am Ende eine »Politik AG« heraus – mein persönlicher Favorit! –, bei der wir nicht mehr nur volkswirtschaftliche Statisten sind, sondern echte gleichberechtigte Teilhaber eines Staates, der fitte Menschen vorübergehend beauftragt, von ihnen gesetzte Zielvorgaben umzusetzen. Im Erfolgsfalle mag es Millionen regnen, das kann uns die Sache schon wert sein, bei Misserfolg gibt es fünf Jahre Gurkenlasterfahren ohne Bewährung.
Scheren wir uns wenigstens in unserer nicht-öffentlichen Gedankenfreiheit mal kurz nicht darum, was Karlsruhe oder Berlin oder Kassel sagen, was die EU-Kommission davon hält und ob das alles kom-patibel ist mit der weltweiten Staatengemeinschaft. Denn diese Institu-tionen klingen zwar alle bombastisch, aber was sie treiben, entscheidet jeweils eine Hand voll Leute, nichts, was uns irgendwie begründet vom eigenen Denken abhalten könnte. Politiker sagen bei allem, was nicht aus ihren piefigen Fraktionsräumen kommt: »Das geht leider gar nicht, da steht das Grundgesetz dagegen oder der Vertrag von Maastricht oder ein Genfer Protokoll oder eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts«, und genau deshalb brauchen wir sie auch nicht, diese Alles-Wisser-Nichts-Könner.
(Aus der Einleitung zu "Verbannung nach Helgoland
- Reich und glücklich ohne Politiker, ein Masterplan für alle Stammtische und Kegelclubs draußen im Land; ISBN 3-928781-11-1, Berliner Konsortium, EUR 13,50)