Ringel: taz-Leser stoßen bei Satire genau so schnell an ihre Grenzen wie alle anderen auch. Sobald wir die Reizthemen Kirche, Tiere, Sex aufrufen kommen die Beschwerden
Vorbote: Hat Satire derzeit Konjunktur?
Ringel: Nein, abgesehen von den bekannten Satire-Zeitschriften ist Satire im Journalismus sehr selten. In den letzten Jahren sind die Angebote eher abgebaut worden. Auch die taz hatte früher mehr Glossenformen, z.B. die Querspalte.
Vorbote: Aber im Web brummt's.
Ringel: Glasauge
Vorbote: Warum findet man so wenig Satire außerhalb gekennzeichneter Reservate?
Ringel: In erster Linie ist das ein pragmatischer Grund - Angst vor Gerichtsverfahren. Die Leute klagen ja wie wild, wir können kaum noch einen Namen nennen, ohne dass spezialisierte Kanzleien auf den Plan treten. Da schreibt man "Vorsicht Satire" oder eben "Die Wahrheit" und reklamiert für sich die Meinungs- und Kunstfreiheit, das hilft schon mal ein bisschen.
Vorbote: Und in zweiter Linie?
Ringel: Die Ernstler unter den Journalisten sind in den letzten Jahren noch ernster geworden. Ein paar von ihnen mögen ja Humor haben, aber sie zeigen es niemandem.
Vorbote: Kann man denen helfen?
Ringel: Man müsste Ironieschulen eröffnen, jedem Journalisten erklären, dass man immer auch das Gegenteil mitdenken muss. Man müsste so einfache Dinge wie Hyperbel und Litotes lehren. Man sollte Journalisten klar machen, dass man nicht immer alles 1 zu 1 beschreiben muss, sondern manchmal auch einen Umweg braucht.
Vorbote: Und das muss auf witzige Weise geschehen, meint die Neue Frankfurter Schule.
Ringel: Satire ist ein komisches Genre. Eine Satire, die nicht komisch ist, funktioniert gar nicht. Wenn ich nicht lache, kann ich keine Distanz zum Gegenstand entwickeln, und dann gibt es keine Entlarvung.
Vorbote: Ist die funktionierende Satire lernbar?
Ringel: Die Mittel der Komik sind sicher lernbar. Aber meistens geht's irgendwie schief - und wird Industriekomik.
Vorbote: ???
Ringel: Die Leute besuchen Creative Writing Seminare oder - ganz schlimm - das Leipziger Literaturinstitut und schicken uns dann ihre unglaublich schlechten Texte. Denen fehlt genauso die Leichtigkeit wie den Ernstlern. Sie versuchen sich an Techniken, aber sie entwickeln nichts eigenes - und haben keine Distanz zum Gegenstand ihrer Betrachtung.
Vorbote: Wer kümmert sich denn dann um den Nachwuchs?
Ringel: Wir haben ständig Praktikanten und wir geben wirklich vielen jungen Autoren eine Chance. Aber die müssen auch kämpfen und selbst ausprobieren, ohne sofort Erfolg zu erwarten. Die meisten hat das Internet kaputt gemacht, bevor sie was können.
Vorbote: Das Internet verhindert gute Satire?
Ringel: Sicher. Anstatt sich Grundlagen anzueignen und literarische Positionen zu finden kippen die jungen Schreiber alles in irgendwelche Blogs. Die sind so was wie früher der "Werkkreis Literatur der Arbeitswelt" oder "Bürgerfernsehen".
Vorbote: Sind das nicht gute Möglichkeiten, sein Können auszuprobieren?
Ringel: Man darf vieles machen, aber nicht alles. Es geht zum Beispiel nicht, dass man schlecht ist. Aber die Blogger merken ja nicht, wie schlecht sie sind. Anstatt sich ihre Feinde zu erarbeiten, kuscheln sie miteinander.
Vorbote: Helfen Vorbilder?
Ringel: Begrenzt. Natürlich muss man sich als Satiriker mit Satirikern beschäftigen. Aber irgendwann muss der Punkt kommen, wo man was eigenes entwickelt. Wenn man heute das gleiche schreibt wie Tucholsky - liest das halt niemand mehr. Auch der Stil der Titanic-Texte aus den 80er Jahren würde heute auf der Wahrheits-Seite nicht mehr funktionieren. Was geht, kann man nicht lernen, das muss man ausprobieren.
Vorbote: Und wie geht die richtig gute taz-Satire?
Ringel: Gute Autoren, gute Grundlagen - und dann günstige Zufälle. Wir haben ja auch nur einmal im Jahr so eine große Geschichte wie die Kaczynskis. Programmierte Geschichten funktionieren viel seltener, als man glaubt.
Eine Kurzfassung dieses Interviews ist in der Juli-Ausgabe 2007 der Fachzeitschrift "journalist"




