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Gastbeitrag | 21.04.2006 | druckansicht

Martin Buchholz: Mißverstehe ich Sie da richtig, Herr Schäuble?

Also noch "ein Einzelfall": Ein "Scheiß-Nigger" (so der deutsche Klartext, auf Tonband festgehalten) wird nahezu totgeprügelt und Jörg Schönbohm, der Minister für die brandenburgischen Tiefebenen, warnt vor voreiligen Schlüssen, "was das fremdenfeindliche Motiv der Täter betrifft": "Daß es einen Zusammenhang zwischen der Tat und der schwarzen Hautfarbe des Opfers gibt, kann lediglich vermutet werden."
Scheiß-Schönbohm! Ich warne allerdings im Zusammenhang mit dieser letzten Äußerung dringend davor, voreilige Schlüsse zu ziehen, was das schönbohmfeindliche Motiv des Autors angeht. Bei diesem brutalen Angriff auf einen deutschen Minister kann ein Zusammenhang zwischen der schwarzbraunen Gesinnung des vermeintlichen Opfers und der Untat selber lediglich vermutet werden.

Außerdem könnte es so scheinen, als sei diese bösartige Attacke auf einen deutschen Minister auch nur ein Einzelfall - also die Affekthandlung eines verwirrten satirischen Einzeltäters. Doch diese Interpretation wäre denn doch zu blauäugig. Allerdings ist dieser Hang zur Blauäugigkeit uns Deutschen ja eigen. Daran hat uns erst gestern wieder Wolfgang Schäuble erinnert: "Es werden auch blonde blauäugige Menschen Opfer von Gewalttaten, zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben."

Blauäugige blonde Menschen... Ein schäubelsches Rollback ins Ur-Germanische: Der Minister für das deutsche Innere himmlert assoziativ vor sich hin, sich tiefinnerlich zurückseufzend zum germanischen Lebensborn. Heim ins Reich der Früherblondeten...

Und diese Blondmenschen werden wegen ihrer Blauäugigkeit offenbar immer mehr zu Opfern von rassistischen, inländerfeindlichen Gewalttaten - das muß man noch mal im verschraubten Originalton lesen: "zum Teil sogar von Tätern, die möglicherweise nicht die deutsche Staatsangehörigkeit haben". Damit will Schäuble wohl sagen, daß das Potsdamer Totschlagsopfer - ein deutsch-äthopischer Ingenieur mit bundesdeutschem Paß - "möglicherweise" nicht zu dieser Tätergruppe gehört. Insofern war die präventive Notwehr von brandenburgischen Ur-Einwohnern, die dort normalerweise die Gewaltopfer sind, in diesem Fall "möglicherweise" ein Irrtum - gewissermaßen ein Vergehen aus Versehen. Nun ja, zugegeben, dumm gelaufen! Aber deshalb muß doch nicht gleich so ein Theater draus machen. Bloß weil das Möglicherweise-Opfer zufällig ein Schwarzer ist. (Gott, es war stockfinstere Nacht, als es passierte. Da konnte man das doch gar nicht sehen.) Ich hoffe, ich mißverstehe Sie da richtig, Herr Schäuble?

Jedenfalls hat die brutale, rassistische Verfolgung der real existierenden Blondmenschen in Brandenburg und anderswo in deutschen Gauen inzwischen derartige Ausmaße angenommen, daß viele junge Menschen in ihrer Panik ihr Blondsein dadurch zu kaschieren versuchen, daß sie sich radikal ihres Haupthaars entledigen. Die blanke Verzweiflung spiegelt sich in blanken Glatzen.

Und in Potsdam ist Minister Schönbohm die Ober-Glatze, der dennoch und gerade deshalb vor antibrandenburgischer Verfolgung nicht sicher ist. Wie gesagt, ich verfolge den Mann schon seit Jahren. Im Dezember 2000 habe ich ihm sogar einen Jahresabschlußbericht gewidmet. Hier das Protokoll:

+++


Guben, eine kleine Stadt in Deutschland. Genauer: in Brandenburg. Ein Land, in dem die Angst herrscht - und zwar vor der totalen Überfremdung. Eben, weil die Ausländer in einigen Gebieten fast schon die absolute Mehrheit haben, also mindestens 0,03 Prozent. Außer der Angst herrscht dort auch ein Herr Schönbohm. Ein Wessi, der seit einiger Zeit als Minister für das ostdeutsche Innere zuständig ist. Ein früherer Bundeswehr-General, der die Innere Führung aus dem Eff-Eff beherrscht. Möglicherweise hat er sogar mal bei der Bundeswehr was von demokratischer Gesittung gehört. Das hat er aber anscheinend vergessen. General-Amnesie nennt man das.

Dieser Schönbohm ist ein absoluter Toleranz-Fanatiker - besonders gegenüber den anständigen deutschen Jungs, die im Osten seit elf Jahren die neue Bewegungsfreiheit genießen dürfen. Anständige Jungs, wie gesagt - immer gut rasiert, sogar aufm Kopp. Diese Jungs kämpfen vielerorts im Osten als Stoßtrupps der deutschen Leitkultur, um aus der Ex-DDR wieder eine Zone zu machen, und zwar eine national befreite.

Das Problem dabei ist allerdings: Seit diese Freiheitskämpfer auf ostdeutschen Straßen unterwegs sind, wagen sich die dort noch vereinzelt lebenden Ausländer kaum auf die Straße - feige wie sie als Nicht-Deutsche nun mal sind. Deshalb mangelt es den deutschen Jungs immer öfter an den Objekten ihrer nationalen Begierde. Außerdem ist es natürlich schade, wenn diese Ausländer sich nicht hinaustrauen: So kriegen sie ja nichts von der neuen deutschen Bewegungsfreiheit mit, wenn sie ständig drinnen hocken. Deshalb ertönt stets von neuem der gastfreundliche Ruf: "Ausländer raus!"

Und wenn die Ausländer dieser Einladung folgen und sich auf die Straße wagen, dann lernen sie dort endlich die neue Bewegungsfreiheit kennen, wenn die deutschen Jungs mit ihnen Einkriegezeck spielen. Hei, wie die dann um die Ecken flitzen...

Und so begab es sich zu deutscher Zeit, im Februar dieses Jahres, daß im beschaulichen Guben die nationalen Befreier mit drei algerischen Asylbewerbern Haschen spielten. Einer von denen sprang dabei leichtsinnigerweise durch eine Glastür. Ich meine, das müßten auch Ausländer wissen, daß man sich bei sowas verletzen kann. Dieser Algerier hatte sich also selber fahrlässig getötet. Leider konnte man ihn deshalb nicht mehr vor Gericht stellen. Als ein paar übereifrige Staatsanwälte dann die elf deutschen Spielgefährten anklagten, die an dieser nächtlichen Jagd beteiligt waren, konnte das kaum einer verstehen. Am wenigsten das Gericht. Gut, die Jungs hatten es vielleicht etwas wild getrieben, aber Gott, in dem Alter darf man doch wohl mal ein bißchen über die Stränge schlagen. Da nun aber staatliche Erziehungsberechtigung angemahnt war, hob der Richter verwarnend den Zeigefinger und machte dabei ein ernstes Gesicht: "Also, Jungs, daß mir das nicht wieder vorkommt..." Mit ein bißchen Schelte und Stubenarrest auf Bewährung entließ der Richter die Lausbuben wieder auf die Straße, also auf die freie östliche Wildbahn.


Einer dieser ungestümen Buben, der im November mit einem richterlichem "Du, du!" verwarnt worden war, ist nun wieder ertappt worden beim allzu wilden Treiben. "Rechtsradikale stachen vermeintlichen Ausländer nieder" - so die Überschrift der "Berliner Zeitung". Diese Schlagzeile zeigt, daß diese Ausländer immer heimtückischer werden: Die verstellen sich einfach, und plötzlich sind sie nur noch "vermeintlich". Die Niedergestochene sei "ein Deutscher mit asiatischem Aussehen": Ja, wo gibt's denn so was?! Das genau ist doch die Folge dessen, wovor Edmund Stoiber schon vor Jahren gewarnt hat - nämlich, daß das deutsche Volk immer mehr "fremdländisch durchmischt und durchraßt" wird... Wie soll sich ein anständiger deutscher Junge noch da zurechtfinden, wenn plötzlich auch das Schlitzauge ein deutsches ist...


Schönbohm, der General fürs deutsche Innere, verurteilte in einer Presse-Erklärung nicht die Täter (dafür ist er schließlich nicht zuständig), sondern die Tat, wie es das öffentliche Ritual verlangt, als "verabscheuungswürdigen Akt rassistisch motivierter Gewalt".

Nun gibt es ja so'ne und solche Akte. Es gibt zum Beispiel die ganz normalen, alltäglichen Akte einer Verwaltung, wie sie auch in Schönbohms Behörde anfallen. An einen sei hier erinnert, weil er mit jener Februar-Nacht zu tun hat, als der Algerier Omar Ben Noui durch die Glastür sprang und dann verblutete. Einer seiner Freunde, ebenfalls ein algerischer Asylbewerber, hatte diese Nacht seltsamerweise überlebt. Und dennoch wollte er von seinem Asylbegehren nicht ablassen. Es gibt ja Ausländer, die kriegen nicht genug von der neuen deutschen Bewegungsfreiheit. Solche Leute muß man natürlich schützen, und zwar vor ihrem eigenen Über-Mut. Deshalb lehnte Schönbohms Behörde ein dauerndes Bleiberecht für diesen Algerier ab - und zwar mit der Begründung:

"Aufgrund des traumatischen Erlebnisses ist abzusehen, daß der Antragsteller nicht in der Lage sein wird, ein eigenständiges Leben in Deutschland zu führen."

Eine kaum verhohlene Aufforderung aus den Schönbohmschen Amtsstuben an die ausführende Gewalt auf den brandenburgischen Straßen, in diesem Fall an die glatzköpfigen Hilfstruppen, weiterhin für solch traumatische Erlebnisse sorgen. Hinterher kann die nachvollziehende Gewalt im Ministerium die Abschiebungen von Asylbewerbern mit staatlicher Fürsorge begründen. So bekommt der Begriff Gewalten-Teilung einen neuen deutschen Sinn.

Wie war das noch mal, Herr Schönbohm? Wie nannten sie das? Ach ja, einen "verabscheuungswürdigen Akt rassistisch motivierter Gewalt".

Es gibt ja Skinheads in der Politik, die kann man als solche auf den ersten Blick gar nicht erkennen. Eben weil sie die Glatze nach innen tragen...

Martin Buchholz

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