Da lesen wir in der demokratischen Presse etwas von der »Gefährdung des Wehrgedankens«. Aber wir wollen ihn so gefährden, dass ihm die Luft ausgeht, und wir pfeifen auf jenen »gesunden Pazifismus«, der die Heere aufbaut und erweitert, der den Massenmord präpariert, der sein Land ins Unglück stürzt und der ebenso verbrecherisch ist wie das, was er vorbereitet.
»Das Militär ist nur ein Schutz gegen die räuberischen Einfälle der andern.« Das kennen wir - es wird in Zukunft überhaupt nur noch ›Verteidigungskriege‹ geben, aber unsere Generation wird auf diesen Schwindel nicht mehr hereinfallen. Jedenfalls lebt kein vollsinniger Kaufmann auf dieser Erde, der Milliarden und Milliarden in ein Geschäft hineinsteckt, das er niemals auszunutzen gedenkt. Das tut aber der Militarismus. Und es gibt da so eine Art Naturgesetz: was man jahrelang, mit dem Aufwand der äußersten Geldeinlagen, vorbereitet, das muss sich eines Tages von selbst auslösen. Geladene Gewehre gehen einmal los.
Es könnte den Generalen so passen, wenn wir diesen »gesunden Pazifismus« anerkennen wollten. Er äußert sich darin, dass der jeweilige Kriegsminister (den man immer mit seinem richtigen Titel ansprechen sollte), im Reichstag Reden hält, die zu nichts verpflichten, denen die uniformierten, faulen und charakterschwachen Abgeordneten freundlich zuklatschen - und dass dann, wenn's soweit ist, deinem Jungen der Dickdarm heraushängt, deinem Mädchen das Auge ausläuft, deinem alten Vater der Kopf zerschmettert wird . . . ah! das wollen sie nicht hören! Krieg? Aber sehen Sie doch, in allen Ländern, wie hübsch die Soldaten marschieren; und wie nett sie blasen und tuten und trommeln; und wie schmuck sie aussehen; und wie wacker sie helfen, die organisierten Nichtstuer, wenn es einmal im Jahr einen Dammbruch zu verhüten gilt. Was haben Sie gegen das Militär -?
Wir haben alles gegen das Militär, denn wir wissen, was es vorbereitet, was es ankündigt, was es bedeutet. Wir haben nichts gegen die einzelnen Bauernjungen und Offiziere, die sich da ihr Brot verdienen; hier ist oft genug auseinandergesetzt worden, dass Anflegelungen von Militärpersonen nur ein Zeichen minderer Erkenntnis sind. Der Feldwebel Schulze kann nichts dafür. Das System ist bis aufs Messer zu bekämpfen.
Die Demokraten jubeln, weil sie einen Wehrminister haben, der, geschickter als der bösartige Noske
Auf die Lüge aber, als gäbe es so etwas wie einen ›richtigen‹ und einen ›falschen‹ Pazifismus, wollen wir nicht hereinfallen. Dass es anständige und brave Leute gibt, die sich Pazifisten nennen, ja, die sogar den Nobelpreis dafür bekommen, ohne doch den letzten, den entscheidenden Schritt je getan zu haben, steht auf einem andern Blatt. Ich halte zwar eine solche Rede, wie sie der höchst couragierte Professor Hans Driesch
Also darf man an Pazifisten keine Kritik üben? O doch, es kommt nur darauf an, wo man das tut.
Ich habe zum Beispiel gegen Fr. W. Foerster
Dem ist zu erzählen, dass unser Pazifismus so gesund ist wie ein rotbackiger Junge. Er strahlt, er brüllt, er zappelt mit den Beinen, und wir wollen uns alle Mühe geben, das Kind zu schaukeln. Das Fehlurteil gegen Berthold Jacob
(Kurt Tucholsky, am 31. März 1928 in ›Das andere Deutschland‹)




