Als Angehöriger eines Volkes aber, das Justizirrtümerund Schlimmeres aus eigner Anschauung kennt, möchte ich zu bedenken geben, wie das Ansehen
jeden Staates, also auch der Vereinigten Staaten, durch solche Vorkommnisse leiden muss. Selbst wenn Sacco und Vanzetti Taten begangen haben sollten, die nach dem amerikanischen Gesetz strafbar sind, was bei der Qualität der belastenden Zeugenaussagen auch nach amerikanischen Presseäußerungen nicht feststeht, scheint mir und meinen Freunden die jahrelange Todesangst dieser Leute eine ausreichende Kompensation für ihre Handlungsweise zu sein. Ich darf Euer Exzellenz ergebenst darauf aufmerksam machen, dass die Sympathie politisch denkender und aktiver Schichten Deutschlands durchaus auf Seiten der Verurteilten ist.
Die Verletzung der einfachsten Menschenrechte bedarf einer Reparatur; die Begnadigung der beiden Leute ist in unsern Augen das Mindeste, was von der amerikanischen Regierung erwartet wird.
Wir protestieren auf das Schärfste gegen die beabsichtigte Hinrichtung von Sacco und Vanzetti. Ich erlaube mir hinzuzufügen, daß dieser Protest in der nächsten Nummer meines Blattes erscheinen wird.
Ich bin mit den besten Empfehlungen Euer Exzellenz ergebener
Tucholsky
(Kurt Tucholsky, in: Die Weltbühne, 19.04.1927, Nr. 16, S. 638)




