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Und es ward Sommer | 08.05.2011 | druckansicht

Bratschlauch auf Schienen

Herrgott, verfickte Schweißdrecks-Bahn, wenn du doch endlich mal begreifen würdest - nein, Entschuldigung, das ist unhöflich, wir kennen uns zwar schon lange, aber keineswegs gut, und da sollten doch erwachsene Personen - ob natürlich oder juristisch - beim "Sie" bleiben. Also:
Sehr geehrte verfickte Scheißdrecks-Bahn,
wenn Sie doch endlich begreifen würde, dass wer als Bahn nichts vom Bahnfahren versteht wohl gesund daran täte, sich keine weit ferner liegende Fachkompetenzen anzumaßen. Etwa Klimatechnik, ein Sport für Ölscheichs, die unbedingt in der afrikanischen  Wüste leben müssen, dort aber Ski fahren wollen. Es ist mir egal, ob das funktioniert, ich weiß es nicht, ich will es auch nicht wissen.

Mit Sicherheit weiß ich aber, dass Sie, werte Scheißdrecks-Bahn, von diesem Metier rein gar nichts verstehen, weshalb Ihr Versuchsaufbau ein reichlich tollkühnes - aber nicht -kühles - Unterfangen ist: Sie sperren lebende Menschen in hermetisch abgeriegelte Röhren aus Glas und Metall und ziehen diese von einem sonnigen Plätzchen zum nächsten. Was sich in diesen Röhren ereignet, kann sich jedes Kind vorstellen, vermutlich ist es inzwischen eine der Standardepisoden in jedem Kinderbilderbuch über die Feuerwehr: wie sie so einen rollenden Bratschlauch aufbricht und evakuiert, gekochte Kadaver herauszieht, anderes Transportgut am Bahnsteig notschlachtet and so on.

Einziges Survivalinstrument, das Sie ihren Versuchsgütern außer Reichweite offerieren: die (bahntypische) Klimaanlage. Ihre perfide Wette lautet: Wetten, dass wir es mit unserer schrottigen Bahntechnologie schaffen, die gesamte Energie, welche die Sonne in die Bratröhre sendet und welche dort technisch-raffiniert festgehalten wird, dass wir diese gesamte Energie mit unserer Pups-Klimaanlage aus dem Zug geschafft bekommen und so ein mindestens überlebbares, im Falle göttlicher Fügung sogar angenehmes Temperaturklima schaffen.
Ich höre dich, SB, lauthals lachen (klingt nach Baron de Lefouet). Denn natürlich klappt das nicht. Nie. Niemals!

Ich kenn' Sie ja jetzt seit 30 Jahren aus innerer Anschauung. Seitdem Sie vor vielleicht 2 Jahrzehnten mit Ihrem Experiment begonnen haben, indem Sie zunächst vorhandene Fenster abgeschlossen haben (weshalb ich mir ganz schnell den entsprechenden Vierkantschlüssel besorgt habe), in der Folge dann aber nur noch Zugmaterial gekauft haben, bei dem ein Luftaustausch zwischen Bratröhre und Umgebung im Fensterbereich nur noch mit dem Nothammer zu realisieren ist.

Spaß beiseite, Sie konzernierter Idiotenhaufen: könnten Sie sich nicht doch entschließen, das Experiment einzustellen und die Wette endgültig als verloren zu akzeptieren, nach Tagen wie heute, wo es sich selbst in den Städten bei leichtem Luftzug in der Sonne gut aushalten lässt, im Schatten die alten Damen schon etwas über die Schultern legen, aber in Ihren Zügen gemischte Sauna mit verriegelter Fluchttür gespielt wird? Es ist verdammt nochmal der 8. Mai. Muttertag, ja, aber: erst der 8. Mai. Das liegt mitten im kalendarischen Frühling und wettermäßig noch an dessen Beginn. Wieviel Tote, verflucht, wollen Sie diesen Sommer produzieren, wenn es tatsächlich heiß wird?

Millionen Bahnfahrer würden es Ihnen  danken, wenn Sie sich nur bemühen würden, das mit dem Bahnfahren hinzubekommen (was ja offenbar schon sehr hohe Kunst ist) und den Bereich Klimatechnik Ihrem Transportgut selbst überließen. Dieses braucht nur Fenster, die sich öffnen lassen. Alles andere ist tatsächlich göttliche Fügung, die wunderbare Schöpfung, die den Menschen transpirieren lässt. Im virendichten Großraumkondom ist das aber so wirkungsvoll wie Lungenatmung unter Wasser.

Ihr Fred Steinhauer

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