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Martin Buchholz | 13.03.2009 | druckansicht

Weinen für das Kapital

Manchmal wünsche ich mir den guten, alten Kapitalismus wieder zurück, den von der richtig altmodischen Sorte, wo Ausbeutung noch Ausbeutung war ohne jeden verharmlosenden Schmus. Wo es noch Kapitalisten gab, die sich nicht schämten, richtige Schweine-Priester des Systems zu sein ­ nach dem lebensheiterem Motto: "Mein idealer Lebenszweck ist Menschenvieh und Mehrwertspeck." Specknackige, fette Ekelstypen in all ihrer Hardcore-Brutalität. Knallharte Profit-Vampire, die den Proleten bis auf den letzten Milliliter Blut aussaugten, um dann die ausgewalkte Haut und die ausgelutschten Knochen auf den Menschenmüll zu werfen.
Jaja, ich weiß: Diese agitproppere Idylle, die einem quasi-automatisch die klassenkämpferische Faust emporruckte ins Morgenrot einer ohne Unterlaß sonnenbeschienenen Zukunft, gibt es schon lange nicht mehr, falls es sie in den letzten Jahrzehnten überhaupt noch in dieser sozialistisch albgeträumten Reinkultur gegeben haben sollte. Heute sehen die Asozialen aus den oberen Konzern-Etagen ganz anders aus. Das sind in der grauligen Mehrzahl eher einheitlich gestylten Manager-Einheits-Leistungssysteme, viele graue Smarties, wenn auch solriumsgebräunt. Denen begegnet man rudelweise morgens in der ersten Klasse des ICE, wenn sie im marktwirtschaftlichen Corpsgeist ihre Handys besabbeln. Man kann sie kaum auseinanderhalten. Aber wer wollte das schon.

Sie selber wollen es auch nicht - nämlich auseinandergehalten werden, zumindest nicht in diesen schweren Zeiten der finanzpolitischen Apokalypse. Da ist das Konkurrenz-Prinzip partiell außer Kraft gesetzt. Man hält nicht mehr auseinander, nein: man hält zusammen. Auf einmal singen fast alle Gangs, die sich ansonsten gegenseitig am liebsten meucheln würden, kollektiv das Hohelied der Solidarität: "Vorwärts und nicht vergessen, worin uns're Stärke besteht!" Erst wird gemeuchelt, jetzt wird geheuchelt. In ihren derzeitigen Selbsterfahrungsgruppen hocken die Banker und Unternehmer beim gemeinsamen Psychotrip und üben ganz neue Verhaltensweisen ein: "Wir wollen offen zeigen, daß auch wir mit leiden an dieser krisenhaften Entwicklung", berichtet ein zerknirschter Wirtschaftsboss dem "Handelsblatt". Ach, wer da mit leiden könnte...

Nun wringt sich diese jammerläppische Solidargemeinschaft auch noch öffentlich die Tränensäcke aus. Da tropfen zur besten Sendezeit einer chinchillaverpackten Multimilliardärin vor ihren versammelten Werksinsassen eigenfabrizierte Zähren über die Tünche ihrer mühsam restaurierten Fassade, flennend um ein paar Milliarden Notgroschen aus dem öffentlichen Töpfchen. Da keucht ein Ober-Rüsselsheimer in die laufenden Kameras mit tränenerstickter Stimme, daß man auch der Witwen und Waisen bei Opel gedenken möge, die als trauernde Hinterbliebene nach einer absehbaren Katastrophe nur noch am Hungertuche nagen würden.

"Die Bosse sind menschlich geworden", analysiert "Bild am Sonntag" die erstaunliche Evolution dieser Homonoiden, also der Menschenähnlichen. "Die neuen Bosse geben sich human", hörte ich neulich auch im Autoradio. Der homo bossanova: Eine ganz spezielle Abartigkeit einer ohnehin ziemlich abartigen Spezies. Darwin sei Dank!

Die Hai-Society ist von sich selbst sozial betroffen. Das Haifischbecken läuft derzeit über, denn ringsherum hocken in tränenreicher Gemeinschaft die Krokodile und schluchzen sich gegenseitig etwas vor. Im Hintergrund läuft leise der Song: "See you later, alligator! After a while, my crocodile!"

Also nee, da war mir der alte Kapitalismus mit seinen fetten kapitalen Säuen (bzw. Ebern) schon irgendwie appetitlicher. Kotzalledem! Da wurde fett profitiert, wenn der Trog gefüllt war. Und wenn der Saustall pleite ging, dann ging er eben pleite. Das war das selbstgeschriebene Gesetz! Da gab es kein öffentliches Gewinsel und Gewimmer - und öffentliche Sozialunterstützung für notleidende Unternehmen schon gar nicht. Der Markt regulierte sich von selbst und schritt dabei flott voran über alle selbstregulierten Leichen. Der freie Markt fand schon immer auf einem riesigen Totenacker statt. So makaber das war, es bleib einem doch immerhin der Trost: Auf diesem Friedhof wurde zumindest nicht öffentlich geheult!

(Martin Buchholz )

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