Lungenkrebs, staatseinnahmenfördernder

Zur Erhöhung der Erträgnisse, welche der Staat aus dem Tabakconsum zieht, wird Folgendes bestimmt:
Jeder Deutsche ist rauchpflichtig und kann sich in Ausübung dieser Pflicht nicht vertreten lassen. Ausgenommen hiervon sind nur:
a) diejenigen, welche den ganzen Tag Tabak kauen oder schnupfen,
b) diejenigen, welche ihre Küchen- und Stubenöfen mit Monopolcigarren heizen.
Die Verpflichtung zum Rauchdienst bei der Pfeife, beziehungsweise bei der Cigarre beginnt mit dem elften Lebensjahr und dauert lebenslänglich. Während der ersten dreißig Jahre sind die Rauchmannschaften zum ununterbrochenen Paffen verpflichtet; die Benutzung von Nicht-Rauchcoupées und das Betreten solcher Orte, an denen das Rauchen verboten ist, wird ihnen strengstens untersagt.
Eine besonders strenge Controle wird über diejenigen ausgeübt werden, welche sich in einer vom Staate abhängigen Stellung befinden. Namentlich werden diejenigen Beamten, welche in den Bureaustunden oder in Gegenwart eines höhern Vorgesetzten die Cigarre ausgehen lassen, zu exemplarischer Bestrafung herangezogen werden.
Den Schulvorständen wird anbefohlen, ein wachsames Auge auf den Raucheifer der Schüler zu haben, den Rauchsäumigen Nachhülfeunterricht im Vomblattrauchen zu ertheilen und fleißige Dampfer zu protegiren. Sextaner, welche den Dampf durch die Nase ziehen können, sollen mit Ueberspringung der Quinta direct nach Quarta versetzt werden. Abiturienten, die sich über eine genügende Fertigkeit im mündlichen Ringeblasen auszuweisen vermögen, sind vom schriftlichen Examen zu dispensiren.
Es wird eine besondere Rauchmedaille gestiftet werden für Solche, welche sich im Rauchdienst eine unheilbare Nikotinvergiftung zugezogen haben.
Berliner Wespen, Die allgemeine Rauchpflicht - Nach Genehmigung des Tabaksmonopols einzuführen.
Dada
Edle und respektierte Bürger Zürichs, Studenten, Handwerker, Arbeiter, Vagabunden, Ziellose aller Länder, vereinigt euch. Im Namen des Cabaret Voltaire und meines Freundes Hugo Ball, dem Gründer und Leiter dieses Hochgelehrten Institutes habe ich heute abend eine Erklärung abzugeben, die Sie erschüttern wird. Ich hoffe, dass Ihnen kein körperliches Unheil widerfahren wird, aber was wir Ihnen jetzt zu sagen haben, wird Sie wie eine Kugel treffen. Wir haben beschlossen, unsere mannigfaltigen Aktivitäten unter dem Namen Dada zusammenzufassen. Wir fanden Dada, wir sind Dada und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit nichts zu Ende bringen. Wir stehen hier ohne Absicht, wir haben nicht mal die Absicht, Sie zu unterhalten oder zu amüsieren. Obwohl dies alles so ist, wie es ist, indem es nämlich nichts ist, brauchen wir dennoch nicht als Feinde zu enden. Im Augenblick, wo Sie unter Überwindung Ihrer bürgerlichen Widerstände mit uns Dada auf ihre Fahne schreiben, sind wir wieder einig und die besten Freunde. Nehmen Sie bitte Dada von uns als Geschenk an, denn wer es nicht annimmt, ist verloren. Dada ist die beste Medizin und verhilft zu einer glücklichen Ehe, Ihre Kindeskinder werden es Ihnen danken. Ich verabschiede mich nun mit einem Dadagruß und einer Dadaverbeugung. Es lebe Dada. Dada¸ Dada, Dada.
Richard Huelsenbeck, Dada
Bürger in Uniform
Ihr Leute höret die Geschicht,
Die ich aus Köpenick bericht,
Sehr kluge Leute wohn´n darin,
Denn Köpenick liegt bei Berlin.
Was dort vor kurzem ist geschehn,
Das hat die Welt noch nicht gesehn.
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Voran die Grenadiere,
Des Königs Grenadiere,
Auf jeder Seite viere
Und der Gefreite vorn.
Ja, zeigt sich wo ein blanker Knopp,
Nickt man vor Ehrfurcht mit dem Kopp.
Das Köppenicken, das bringt Glück.
Daher der Name Köpenick ...
Die Grenadiere stellen sich
Vor´s Rathaus – es war fürchterlich –
Die Leute standen auf dem Damm –
Die Grenadiere standen stramm.
Dann kam der Herre Hauptmann,
Der Hauptmann, der Hauptmann.
Ja, was der sagt, das glaubt man.
„Der Hauptmann hat´s gesagt!“
Der Hauptmann zog ins Rathaus ein,
Und dort gehorcht ihm groß und klein.
Die Polizei von Köpenick
Hielt selbst das Publikum zurück.
Der Hauptmann zählt den ganzen Kitt.
Er nahm sogar die Pfenn´ge mit.
Doch wurde der Rendant
Zur neuen Wache hingesandt –
Und dann der Bürgermeister,
Der Meister, der Meister –
Der klügste aller Geister,
Ein kluger Langerhans.
Als alles nun geschehen dort
Und als der Hauptmann lange fort,
Da wurde erst den Leuten klar,
Daß er ein Räuberhauptmann war.
Jetzt sucht man wo der Schwindler steckt.
Die Mütze hat man schon entdeckt.
Den Säbel bracht man auch herbei,
Die Hose fand die Polizei:
Jetzt hab´n sie auch den Hauptmann,
Den Hauptmann, den Hauptmann,
Den großen Räuberhauptmann
Aus Köpnick aus Berlin.
Und die Moral von der Geschicht:
Die Hauptsach ist der Hauptmann nicht.
Die Uniform verschafft Respekt,
Ganz gleich, wer auch darinnen steckt.
Wo eine Uniform sich zeigt,
Da wird man ängstlich und man schweigt,
Da wird nur noch „Hurrah!“ geschrien.
Ja, eine solche Disziplin,
Die hab´n wir nur in Preußen,
Wenn alle Stränge reißen –
Stramm hält die Disziplin!
Otto Reuter, Der Räuberhauptmann von Köpenick
Prominente, tote

Der Ruhm, wie alle Schwindelware,
Hält selten über tausend Jahre.
Zumeist vergeht schon etwas eh'r
Die Haltbarkeit und die Kulör.
Ein Schmetterling voll Eleganz,
Genannt der Ritter Schwalbenschwanz,
Ein Exemplar von erster Güte,
Begrüßte jede Doldenblüte,
Und holte hier und holte da
Sich Nektar und Ambrosia.
Mitunter macht er sich auch breit
In seiner ganzen Herrlichkeit
Und zeigt den Leuten seine Orden
Und ist mit Recht berühmt geworden.
Die jungen Mädchen fanden dies
Entzückend, goldig, reizend, süß.
Vergeblich schwenkten ihre Mützen
Die Knaben, um ihn zu besitzen.
Sogar der Spatz hat zugeschnappt
Und hätt' ihn um ein Haar gehabt.
Jetzt aber naht sich ein Student,
Der seine Winkelzüge kennt.
In einem Netz mit engen Maschen
Tät er den Flüchtigen erhaschen,
Und da derselbe ohne Tadel,
Spießt er ihn auf die heiße Nadel.
So kam er unter Glas und Rahmen
Mit Datum, Jahreszahl und Namen
Und bleibt berühmt und unvergessen,
Bis ihn zuletzt die Motten fressen.
Man möchte weinen, wenn man sieht,
Daß dies das Ende von dem Lied.
Wilhelm Busch, Der Ruhm
Staatsakt
Aus Anlaß Meiner glücklichen Wiederkehr nach Timbuctu
verleihe Ich dem Oberpriester Müller
das Großkreuz Meines blauen Elephantenordens
mit Palmwedeln und Schwertern.
Er hat es an einen goldnen Ring zu hängen,
und Ich gestatte ihm huldvollst,
dass er sich diesen durch die Nase zieht.
Seine Gattin,
geborne v. Brocktisch, verwitwete Kretschmer,
erkält eine neue Klapperschlangenboa,
drei Kilo Leberthran,
sowie die silberne Verdienstbroche.
Ich befehle!
Festlich gekleidete Amazonenregimenter
erwarten Mich auf bronzierten Krokodilen am Niger.
Der Weg durch die Wüste wird noch einmal mit Sand bestreut.
In genau einzuhaltenden Pausen,
beziehungsweise Zwischenräumen von je fünf Minuten
befahren ihn grüne Sprengwagen mit Terebinthenwasser.
Die Meridiane werden entfernt,
die Parallelkreise mit Oelfarbe bestrichen.
Die Glocken sämtlicher Konfessionen haben zu läuten.
Kalmus, Ansichtspostkarten, Wallnußstangen,
Extrablätter, mit Moskitoschnaps gefüllte Straußeneier
Und Porträts von Mir
in großer, gestickter Admiralsuniform,
behängt mit den Ketten Meiner sämtlichen Orden,
mit und ohne Bartbinde,
verteilt Mein Ballettkorps.
Jeder noch unbescholtene Bürger der staatserhaltenden Parteien
erhält gegen Vorzeigen seiner Steuerquittung
eine Blechmarke und darf zugreifen.
Desgleichen steht die ganze Zeit über
der Besuch der öffentlichen Rotunden
GRATIS
frei.
Die Kosten
Bestreitet aus ihrem letzten Ueberschuß von
Achtundachtzig Millionen
Meine Privatschatulle.
Im Paletot mit Pelzkragen,
gefolgt von Meiner gesamtem maison militaire,
links von Prittzewitz, rechts von Zittzewitz,
passire Ich dann Schlag Zwölf Uhr
das Nilpferdthor.
Ich werde sehr ernst aussehen!
In Kameelshaarmänteln,
die Schädel geschoren, um die Gurgel den Strick,
mit Kettenkugeln an den Arc de triomphe geschweißt,
erwarten Mich kniend die Väter der Stadt.
Der Kadi redet.
Ich höre aufmerksam zu und mit sichtlichem Wohlwollen.
Nachdem Ich indessen allergnädigst geruht haben werde,
nicht zu antworten,
wird Omar-Ibn-Ibraim Pascha,
der alte, silberbärtige Aga Meiner Janitscharenorta,
den Yatagan ziehn,
in demselben Augenblick,
über die bunte, gedrehte Mittelkuppel Meiner Mondmoschee,
flitzt Meine große, getigerte Standarte hoch,
und unter den flutenden Wellen des Präsentiermarsches,
unter den begeisterten Zurufen des Publikums,
werde Ich lächelnd,
zwischen jedem Kandelaberpaar mit dem Zeigefinger
an den Turban greifend,
rechts von Zittzewitz, links von Prittzewitz,
schneidig,
bis vor die weißen, weit geöffneten Elfenbeinflügel
Meines Kremls
Durch meine Hauptstadt reiten.
Ferner!
Den Abend vorher,
in der mit vergoldeten Drachenlichtern zu erhellenden
Aula der Universität,
wird Yorimaschighe Sebulon Freudenthal,
der neuernannte Professor der Beredsamkeit,
über die Autointoxikation bei Tieren,
insbesondere Plumpfischen, Pfeffervögeln und Meerschweinchen,
unter dem Gesichtspunkt
ihrer speziellen Beziehung zu Unserem
Erhabenen Herrscherhause,
einen auf purpurnes Eselsleder mit Diamantenstaub
kalligraphierten Vortrag abzulesen.
Die Sonne,
eingeholt von dem mit grünem Seidentafft
zu überziehenden Ballons
Meiner Luftschifferabteilung,
begrüßt von sämtlichen silbernen Kesselpauken
Meiner sämtlichen Armeekorps,
wird an dem festlichen Morgen selbst
sieben Sekunden früher aufgehn.
Das Betreffende,
nach erledigtem Uebereinkommen mit Konsistorium
und Sternwarte,
veranlasst Mein Hofmarschallamt.
Alles Sterben an diesem tage ist zu unterlassen,
alles gebären einzustellen.
Ferner!
In allen öffentlichen Vergnügungslokalen,
von acht Uhr abends ab, nach Schluß des Zapfenstreichs, findetBAUCHTANZstatt.Die Polizeiorgane sind angewiesen, nicht zu intervenieren.Sollten nichtsdestoweniger Unruhen vorkommen, so ist es angeordnet worden, nur auf die Füße zu schießen.
Ferner! Die Feier hat einen durchaus patriotischen Verlauf zu nehmen!
Arno Holz, Niepiepiep




